0,97 Kinder pro Frau – warum Thüringens jüngste Stadt zu wenige Kinder bekommt
Eine junge Stadt, die schrumpft – das Paradox hinter Jenas Geburtenziffer
60 Jahre ist in meinem Ortsteil die Kita Pinnochio geworden und dennoch hatte die Feier für mich als Ortsteilbürgermeister einen bitteren Nachgeschmack. Die Kita wird 2027 geschlossen, und damit war es gleichzeitig eine vorgezogene Abschiedsfeier. Sie wird nicht die einzige Kindertagesstätte werden, die geschlossen werden wird. Dazu hatte ich zuletzt geschrieben. Wir hören auch aus der Uniklinik ab und zu Nachrichten, dass die Geburten immer weiter rückläufig sind. Das erscheint erstmal paradox: Jena hat die jüngste Bevölkerung Thüringens. Dennoch ist die zusammengefasste Geburtenziffer von 1,32 (2018) auf rund 0,97 (2024) gefallen, also unter ein Kind pro Frau. Darüber und über den Verlust der Kinder und damit auch ein wenig Zukunftsperspektive handelt der heutige Beitrag, denn es ist ein Thema, was mich sehr beschäftigt.
Unsere Lage: Wo Jena wirklich steht
Geburtenziffer im 24-Städte-Vergleich: −26,4 % (2016–2024), vierthöchster Rückgang. (Quelle: Statistischer Quartalsbericht Leipzig IV/2024)
Einwohner: Höchststand 2018 (~109.000 HW), Ende 2025 noch 107.658 HW – 2,1 % unter dem Real Case (110.293) der Stadtprognose 2019. Definitionshinweis: amtliche TLS-Zahl 109.353. (Quelle: Stadt Jena; TLS)
Trotzdem privilegiert: Jena neben Erfurt/Weimar einziger Thüringer Kreis mit Wachstumschance; landesweit −9 %, Suhl −26 %. (Quelle: TLS 3. rBv 2023; Bertelsmann-Stiftung 2024: Erfurt +0,5 %, Jena −1,6 %, Weimar −1,7 %)
Jena schrumpft nicht gleichmäßig, sondern auseinander: Lobeda und Winzerla verlieren und altern, Nord/Ost stabil, West/Zentrum jüngster Raum. (Quelle: Stadt Jena)
Ursache I: Der Geburteneinbruch, den keine Stadt steuert – und warum der „Wendeknick” Jena nicht erklärt
Jena ist nicht allein. Bundesweit gab es 2025 in etwa 654.000 Geburten – der niedrigste Stand seit 1946. Das liegt nicht an einem schwindenden Kinderwunsch oder Elternstreik: gewünscht werden 1,76 (Frauen)/1,74 (Männer). Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit wächst. Verschiedene Umfragen deuten darauf hin, dass die Unsicherheit (Corona Krieg, Inflation) Geburten verschieben lässt.
Im Stadtrat wurde auch der Wendeknick-Einwand vorgebracht, der meines Erachtens aber seine Grenzen findet für Jena. Für Thüringen insgesamt gilt der Mechanismus – die geburtenschwachen Jahrgänge 1992–1996 (Nachwende-Abwanderung junger Frauen) bilden heute eine kleinere Müttergeneration, „teilweise Halbierung der zukünftigen Müttergeneration”. Für Jena greift das Argument jedoch explizit nicht. Die TLS stellt fest, Jena habe „eine hohe Anzahl junger Frauen im gebärfähigen Alter” – die Zahl der Frauen 15–44 ist seit 2016 sogar stabil (21.868 → 22.083 in 2024). Die niedrige Geburtenziffer erklärt sich stattdessen durch verschobenes Gebärverhalten: hoher Studierendenanteil, Ausbildungsphase, verschobener Kinderwunsch bei hochqualifizierten Frauen (2018 bekommen bereits die Hälfte der Kinder 29- bis 34-Jährige).
Jenas “Geburtenproblem” liegt am Rückgang der Fertilität (1,32 → 0,97), nicht am Mangel an Frauen im gebärfähigen Alter. Politik kann Fertilität kaum steuern – der Hebel liegt im Senken von Unsicherheit (Kita, Wohnen) und im Halten junger Familien, nicht im „Auffüllen” fehlender Frauenjahrgänge. Das ist die erste Erkenntnis, die ich für mich im Laufe der Beschäftigung mit dem Thema gewonnen habe.
Ursache II: Wanderung – die einzige Stütze, die schwächelt
“Wir brauchen mehr Zuwanderung!” Dieses Argument kennen wir alle, ob jetzt aus dem Ausland oder innerdeutsch. Das ist nicht falsch, aber tatsächlich sind wir nicht so attraktiv wie wir es gerne von uns denken. Der Wendepunkt war hier in etwa. 2019. Nach vielen Jahren positiven Saldos kippte die Wanderungsbilanz erstmals ins Negative (−26), noch vor Corona. 2020 verschärfte sich das auf −557, historischer Tiefpunkt. Der Ukraine-Effekt war ein Strohfeuer (2022: +1.160) der aber strukturell nichts änderte (2023: +35, 2024:+147).
Spannend ist die Struktur dahinter. Zugewinne gibt es vor allem bei 18- bis 29-Jährige (Bildungsmigration), das Wanderungssaldo mit dem Umland ist aber negativ (Suburbanisierung). Ohne die Ausnahmejahre 2015/16 und 2022 bewegt sich Jenas „normaler” Wanderungsgewinn nahe null oder negativ. Jena gewinnt junge Menschen zum Studium, verliert aber strukturell ans Umland und an Ostdeutschland.
Ursache III: Familien wandern ins Umland
Zuletzt, und das ist für mich etwas, was mich am meisten beschäftigt und über das viel zu wenig geredet wird. Jena verliert auch in der jüngsten Altersgruppe. Im Wanderungssaldo von 0 bis unter 6,5 Jahre verlieren wir rund 150 Kinder pro Jahr. Selbst Babys und Kleinkinder “ziehen weg”. Gemeinsam mit den Eltern, natürlich.
Das Pendlersaldo als Spiegelbild des Familienwegzugs von der Arbeitsseite. Der Einpendlerüberschuss hat sich von 8.600 (2005) auf 16,979 (2024) mehr als verdoppelt. Davon stammt rund die Hälfte aus dem direkten Umland, davon drei Viertel aus dem Saale-Holzland-Kreis. Im Städtevergleich ist das sogar das höchste Saldo (405 je 1.000 EW).
Was ist die unangenehme Beschreibung dazu? Rund 18.000 Menschen arbeiten in Jena, wohnen aber woanders – die Tendenz steigend, während die Einwohnerzahl sinkt. Jena exportiert seine Arbeits- und Familienbasis ins Umland, weil Wohnraum fehlt.
Die Gründe dafür haben wir in vergangenen Beiträgen schon angerissen: Kessellage, knappes Angebot, hohe Preise (>75 % Mieter, ~11 €/m²). Die kritische Gruppe sind die 27- bis 45-Jährigen nach dem Studium. „Es gelingt nur in geringem Maße, Studierende nach dem Abschluss zu halten.” (Quelle: Konzept „Wohnstadt Jena”; BBSR-Online 122/2024)
Best Practice: Was andere Universitätsstädte anders machen
Nach der ernüchternden Lagebeschreibung will ich den Blick aber darauf werfen, was wir tun können. Der Verlust von Kindern und Familien ist kein Schicksal, und es lohnt sich ein Blick auf vergleichbare Städte, die an den ähnlichen Ursachen arbeiten.
Freiburg errichtet einen ganz neuen Stadtteil Dietenbach. Rund 6.900 Wohnungen für 16.000 Menschen, davon wird die Hälfte gefördert gegen Familienabwanderung.
Tübingen betreibt eine erfolgreiche Innenentwicklung und aktive Bodenpolitik. Damit haben sie 11.000 EW seit 2008 dazugewonnen. Das dient aufgrund der Kessellage als eines der Vorbilder für Jena (Jenaer Modell).
Heidelberg hat mit Konversion von alten Militärflächen (Patrick-Henry-Village) einen Sprung erreicht. Rund 10.000 EW wurden auf Bestandsflächen angesiedelt.
Forderungen/Ausblick: Vier Hebel in Reihenfolge
Der Verlust von Kindern ist kein Schicksal. Wir haben genügend junge Menschen, Frauen im gebärfähigen Alter und einen immer noch stabilen Kinderwunsch. Die Familiengründung findet aber also häufig nicht in jener Stadt bzw. Die Familien wandern ab. Hier müssen wir ansetzen. Einwanderung ist eine Stütze, aber schwankend und liegt auch kaum im kommunalpolitischen Zugriff.
Hier meine Top 4 Prioritäten für mehr Kinder, Familien und vor allem Zukunft.
Wohnen zuerst: Baulandmodell (30 % gefördert) konsequent umsetzen, Innenentwicklung/Konversion, familientaugliche Angebote; Zielpfad ~4.830 Wohnungen bis 2035. (Quelle: Stadt Jena, planen-bauen.jena.de; Difu)
Absolventen binden: Übergang Studium→Beruf→Bleiben gestalten; bundesweit bleiben über 60 % der internationalen Absolventen, gute lokale Jobs verhindern Abwanderung. (Quelle: OECD/DAAD)
Familienfreundlichkeit als Realisierungshilfe – nicht als Geburtenprogramm. Stabile und bezahlbare Kinderbetreuung, sichere Nachbarschaft, Sport- und Vereinleben etc.
Migration sachlich behandeln – Wanderungsgewinn ist Jenas einzige Wachstumsstütze, aber fragil.
Jena ist demografisch privilegiert. Die hausgemachte Ursache liegt im direkten Zugriff der Kommunalpolitik – das ist die gute Nachricht.
Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung als Stadtrat wieder. Er ist keine offizielle Stellungnahme der Stadt Jena, ihrer Verwaltung oder der CDU-Fraktion im Stadtrat. Grundlage sind ausschließlich öffentlich zugängliche Unterlagen der Stadt Jena.
Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, abonnieren Sie ihn gerne und unterstützen sie mich, indem sie ihn teilen und empfehlen. Danke sehr.
Quellen:
Bevölkerungsprognose Jena 2019 (Stadt Jena, Team Controlling/Statistik)
Kita-Bedarfsplan 2025/26 (Tab. 3/6); Kapitel A (Stand Nov. 2025, Wanderung 1.1, Pendlerverflechtungen 1.4/1.7)
Fachkräftestudie Jena 2030 (ZSH Halle); Konzept „Wohnstadt Jena”; Szenario 2035 (Endbericht)
Statistisches Bundesamt (Geburten 2025, TFR)
Stadt Jena, planen-bauen.jena.de (Baulandmodell)







