647: Jenas fehlende Kinder
Wir planen den Abbau weiterer 500 Kita-Plätze. Der Rückgang ist stärker als gedacht.
Wenn ich Verwaltungspläne lese, bleibe ich selten an einer einzelnen Vokabel hängen. Bei der Kita-Bedarfsplanung schon. Die Stadt Jena plant ihre Kindertagesbetreuung seit Herbst 2025 nicht mehr im „Worst Case”, sondern im Below-Worst-Case-Szenario — wörtlich: unterhalb des schlimmsten Falls.
Der Grund ist ernüchternd. Die städtische Bevölkerungsprognose von 2019 kannte drei Szenarien — Best, Real und Worst Case. Die Wirklichkeit hat den schlimmsten überholt: Ende 2024 lag die tatsächliche Zahl der unter 6,5-Jährigen bereits 933 Kinder unter dieser pessimistischsten Annahme. Also brauchte es eine neue Kategorie darunter.
Und damit zur eigentlichen Pointe: Dieser Below-Worst-Case ging für 2025 selbst noch von 760 Geburten aus. Gemeldet wurden 647. Selbst das, was „unter dem schlimmsten Fall” liegen sollte, war im ersten Jahr schon zu optimistisch.
Geburtenzahl im Tiefststand
647 Geburten — der aktuelle Bedarfsplan 2026/2027 nennt das nüchtern einen „negativen Extremwert”. Zur Einordnung: Mitte des vergangenen Jahrzehnts kamen in Jena noch fast 1.200 Kinder pro Jahr zur Welt. Seither zeigt die Kurve fast ungebrochen nach unten — 855 Geburten 2022, 771 in 2023, 744 in 2024, 647 in 2025.
Entsprechend schrumpft die Altersgruppe der unter 6,5-Jährigen: von rund 6.950 Kindern (2019) auf rund 5.200 (2025). Und das trifft alle fünf Planungsräume — Nord, Ost, West-Zentrum, Winzerla und Lobeda. Kein Stadtteilthema, sondern ein gesamtstädtisches.
Der Abbau — diesmal mit Plan
Die Folge ist demografisch unausweichlich. In zwei Phasen — bis 2027 und bis 2030 — werden jeweils bis zu 500 Plätze reduziert. Konkret heißt das etwa die Schließung der „Lichtenhainer Zwerge” zum 31. August 2026.
Dieser zweite Abbauprozess ist geordneter als der Erste. Es gibt ein Ampelsystem aus Auslastung und Sanierungsstand, eine Freiwilligkeitsphase, in der bislang acht Träger das Gespräch mit der Stadt gesucht haben, und einen Umsetzungsplan mit klaren Phasen. Wer Trägern und Eltern Verlässlichkeit schuldet, plant so — und nicht mit Schließungslisten aus dem Nichts.
500 oder 800 — eine bewusste Entscheidung
Interessant wird es bei einer Frage, die in der öffentlichen Debatte kaum auftauchte. Für die zweite Abbauphase lagen zwei Varianten auf dem Tisch: ein Rückbau von 800 Plätzen, der die Überkapazität bis 2035 vollständig auflösen würde — oder von 500 Plätzen, der bewusst rund 300 freie Plätze als Puffer behält.
Der Stadtrat hat sich im September 2025 für die 500er-Variante entschieden — und ich war als Stadtrat an diesem Grundsatzbeschluss beteiligt. Ich halte das für richtig, und zwar aus genau dem Grund, der am Anfang dieses Textes steht: Eine Prognose, die schon im ersten Jahr 760 annimmt und 647 erlebt, ist keine verlässliche Grundlage für einen Hartschnitt. Wer 800 Plätze abbaut, wettet darauf, dass das Rechenmodell stimmt. Der Puffer ist die Versicherung gegen die nächste Überraschung — solange die Stadt das jährliche Monitoring wirklich ernst nimmt.
Allerdings ist das eine Hoffnung, die einen Preis hat. Diese “Reserve” zahlen Steuerzahler und Eltern mit ihren Beiträgen mit.
Das Paradox: weniger Kinder, teurere Plätze
Jetzt zum Teil, bei dem die Debatte beginnen sollte. Man könnte annehmen: weniger Kinder, weniger Plätze, also weniger Kosten. Der Plan zeigt das Gegenteil. Die Kosten je belegtem Platz steigen von rund 1.289 € pro Monat (2026) auf 1.344 € (2027) — weil Fixkosten sich auf weniger belegte Plätze verteilen.
Zwei Punkte aus den Unterlagen machen das schärfer. Erstens: Der Personaleinsatz bemisst sich an den betreuten Kindern, nicht an den Plätzen. Im Klartext der Verwaltung — eine Platzreduzierung hat „keine quantitativen Auswirkungen auf das eingesetzte Personal”. Der Abbau berührt also fast nur die Gebäudekosten. Zweitens: Genau diese Ersparnis ist überschaubar. Die zweite Abbauphase vermeidet über zehn Jahre rund 13 Mio. € an gebäudebedingten Kosten — gut 1,3 Mio. € pro Jahr, gemessen an Jahreskosten von rund 66 Mio. €.
Daraus folgt ein Satz, den ich für zentral halte: Der Platzabbau ist kein Sparprogramm. Er verhindert, dass die Stadt dauerhaft leere Gebäude mitfinanziert — mehr nicht. Wer ihn als Konsolidierung verkauft, verkürzt die Wahrheit.
Die andere Hälfte der Geschichte
Und dann steht da, fast beiläufig, der bemerkenswerteste Satz des ganzen Plans. Der pädagogische Beratungsdienst verzeichnet „steigende Fallzahlen trotz aktuell sinkender Kinderzahlen” — von 92 Anfragen (2021) auf 118 (2025).
Weniger Kinder, aber mehr Unterstützungsbedarf: zunehmende sprachliche und sozial-emotionale Auffälligkeiten, mehr Kinder mit Eingliederungshilfe, integrative Plätze, die wegen Fachkräftemangels kaum zu besetzen sind. Der Plan reagiert mit Programmen wie „Smarte Kitas” oder dem Thüringer Qualitätskompass. Das ist richtig. Nur steht dieser Qualitätsteil neben dem Abbau — nicht erkennbar finanziert aus ihm.
Worauf es jetzt ankommt
Das ist die politische Frage, die der Bedarfsplan offenlässt: Wird der Abbau genutzt, um Qualität freizuspielen — oder versickert er still im Haushalt? Fünf Punkte, die ich für entscheidend halte:
Reinvestition sichtbar machen. Was durch Schließungen frei wird, sollte nachvollziehbar in Qualität und Pro-Kind-Unterstützung fließen — mit ausweisbaren Zahlen.
Wohnortnähe sichern. In jedem der fünf Planungsräume muss erreichbare Betreuung garantiert bleiben.
Trägervielfalt fair behandeln. Schließungen treffen einzelne Träger hart; das Ampelsystem muss diese Konzentration mitdenken.
Leere Gebäude für Familien nutzen. Der Beschluss sieht ausdrücklich die Prüfung sozialer Nachnutzung vor — bei verändertem Bedarf sogar die Reaktivierung als Kita. Das sollte konsequent verfolgt werden.
Statistische Demut. 760 angenommen, 647 geliefert: Das jährliche Monitoring ist kein Pflichtprogramm, sondern die eigentliche Absicherung der ganzen Planung.
Schluss
Eine Stadt, die ihre Kinderbetreuung im „Below-Worst-Case” plant, sagt damit auch etwas über ihre Anziehungskraft für junge Familien aus (Jena verliert seine Familien). Der Kita-Plan ist Symptom, nicht Ursache — und die Ursache heißt: zu wenige Familien, die in Jena bleiben oder herziehen. Daran arbeitet sich kein Bedarfsplan ab, sondern Wohnungs-, Wirtschafts- und Familienpolitik insgesamt. Das beschäftigt mich sehr.
Der nächste Prüfstein kommt im 4. Quartal 2026 mit dem 3. Bildungsbericht der Stadt. Bis dahin gilt: Platzabbau ja — aber als Mittel zum Zweck. Und der Zweck heißt nicht leere Haushaltszeile, sondern gute Betreuung für die Kinder, die da sind.
Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung als Stadtrat wieder. Er ist keine offizielle Stellungnahme der Stadt Jena, ihrer Verwaltung oder der CDU-Fraktion im Stadtrat. Grundlage sind ausschließlich öffentlich zugängliche Unterlagen der Stadt Jena.
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Quellen:
Stadt Jena: Bedarfsplan für die Kindertagesbetreuung in Kindertageseinrichtungen und in Kindertagespflege — Fortschreibung 01. August 2026 bis 31. Juli 2027 (Anlage zur Beschlussvorlage 26/0915-BV).
Stadt Jena: Beschlussvorlage 26/0915-BV — Fortschreibung Kita-Bedarfsplan 2026/2027, Jugendhilfeausschuss.
Stadt Jena: Beschlussvorlage 25/0538-BV — Mittelfristige Bedarfsplanung von Kindertagesbetreuungsangeboten (Stadtrat, beschlossen am 24.09.2025), nebst Anlage 1 (Methodik Below-Worst-Case) und Anlage 2 (Finanzielle Auswirkung).
Im Bedarfsplan ausgewertete Primärdaten: Thüringer Landesamt für Statistik (angepasste 3. rBVB), Statistikstelle Jena, Controlling/Querschnittsaufgaben Dezernat 5.




