Warm bleiben in Jena — und wer dafür zahlt
Jenas Energiezukunft ist ambitioniert. Aber zwischen Klimaplan und Heizkostenrechnung liegen viele unbeantwortete Fragen.
1 · Einstieg
“Wie sollen wir das bezahlen?” Das höre ich nicht erst seit den steigenden Benzinpreisen in jüngster Zeit. Mit Jahreswechsel hatte ich Bürger in der Sprechstunde, die über hohe Preise und Gebühren in der Abrechnung geklagt haben. Bei einer Bürgerversammlung zur Kommunalen Wärmeplanung hatten viele Besitzer älterer Immobilien die Angst geäußert, sich die Sanierung und Umstellung der Heizung nicht leisten zu können. “Da kann ich mein Haus gleich der Bank geben”, sagte mir ein Mann mit dem Hinweis, dass er in seinem Alter keinen Kredit mehr in der Höhe erhält.
Diese Sorgen sind berechtigt und ich will versuchen bezogen auf unsere Pläne in Jena so gut wie möglich zu beantworten.
2 · Was geplant ist
Jena ist seit 2025 einer der ersten Kommunen Thüringens mit beschlossener kommunaler Wärmeplanung. Diese Wärmeplanung ist eng gekoppelt an den Stadtratsbeschluss von 2021, dass Jena bis 2035 klimaneutral sein soll. Diese Zielvorgabe werde ich in der Folge noch sehr kritisch sehen. Die kommunale Wärmeplanung beschreibt die möglichen kommunalen Investitionen (nicht die privaten). Die Kernstrategie umfasst dabei einen massiven Ausbau und dekarbonisierung der Fernwärme sowie das Projekt ANIKA (Klärwasserwärmepumpe als Herzstück).
Hier einige Ziele: Jena will bis 2045 das Fernwärmenetz von heute 128 auf 200 Kilometer ausbauen, die Zahl der angeschlossenen Gebäude mehr als verdoppeln und den Anteil der Fernwärme am gesamten Wärmebedarf auf 86 Prozent steigern. Heute verursacht allein die Wärmeversorgung der Stadt 211.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Diese Zahlen zeigen die Dimension — und sie zeigen, warum mit der Wärmeplanung noch keine einzige Entscheidung über Kosten oder Zeitplan gefallen ist.
Mit der Wärmeplanung ist noch keine Umsetzung beschlossen und keine Entscheidung über Kosten oder Zeitplan gefallen.
„Die Wärmeplanung ist als Startschuss der Wärmewende zu interpretieren — als Orientierungshilfe, nicht als Garantie.”
Kommunale Wärmeplanung Jena 2025
3 · Was das kostet
Ich habe in der Stadtratsdiskussion damals gesagt, die Umsetzung kostet zwischen 1 und 2 Milliarden Euro. Das war natürlich in keiner Weise valide. Mehr eine drei Daumenschätzung von öffentlichen und privaten Investitionen. Dennoch würde ich diese Schätzungen jederzeit wiederholen.
Mittlerweile ist schon öffentlich, das alleine bei den Stadtwerken Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe anfallen. Dazu kommen noch kommunale Investitionen jenseits der Stadtwerke sowie die privaten Investitionen, z.B der Hauseigentümer, in Sanierung und Wärmepumpe.
Bundesförderung BEW trägt einen Teil — nicht alles. Jetzt kommt der wichtige Teil der betriebswirtschaftlichen Logik. Kosten werden über Abschreibungen und Preisanpassungen auf Kunden umgelegt. Das heißt, am Ende zahlen die Kundinnen und Kunden oder Steuerzahler, die, die geschätzte Summe.
Das heißt nicht, dass Investitionen falsch sind. Im Gegenteil: Wer selbst erzeugt, macht sich unabhängiger von Märkten, die wir nicht kontrollieren — das haben unterbrochene Lieferketten in den letzten Jahren mehr als deutlich gezeigt. Die entscheidende Frage ist nicht ob, sondern in welchem Tempo und zu welchem Preis — und wer dabei nicht auf der Strecke bleibt.
„Der Ausbau der Wärmenetze ist mit hohen Investitionskosten verbunden, die jedoch nicht auf einmal, sondern über einen Zeitraum von 40 Jahren über alle Netzabnehmer verteilt werden.”
Kommunale Wärmeplanung Jena 2025 (öffentlich)
4 · Das 2030-Problem
Die erste Entscheidung, die wir in den nächsten Monaten treffen müssen, ist die Umsetzung des Projektes ANIKA.
ANIKA steht für Abwärmenutzung mittels integrierter Kläranlage. Das Projekt nutzt das ganzjährig warme Abwasser der Jenaer Kläranlage, um mit einer Großwärmepumpe klimaneutrale Wärme zu erzeugen — preisstabil und unabhängig von fossilen Märkten.
ANIKA-Wärme wird 2030 voraussichtlich erstmal teurer sein als fossile Wärme. Langfristig dreht sich das Verhältnis um — aber kurzfristig gibt es einen realen Preissprung. Die Preisgleitklauseln: Black Box für Verbraucher
Meine Forderung VOR der Entscheidung ist deshalb ein: Bezahlbarkeitsbericht (Fernwärme, Strom, Gas, jenawohnen — halbjährlich, mit Modellhaushalten) und eine Transparenzoffensive bei Preisgleitklauseln für die Bürger.
5 · Das 2035-Problem — Ehrlichkeit statt Symbolpolitik
Der Stadtratsbeschluss von 2021 zielt auf eine Klimaneutralität bis 2035 — ein ambitioniertes Ziel, das ich respektiere. Aber: Wärmeplanung selbst sagt, niemand kann vorhersagen, ob dieses Ziel erreichbar ist. Dafür bräuchte es Vervielfachung der Ausbaukapazitäten und deutlich höheres Sanierungstempo. Da stoßen wir jetzt schon an finanzielle Grenzen, aber auch an Kapazitäten der Tiefbau-Unternehmen.
„Ob die Wärmewende in Jena im Jahr 2035 bereits abgeschlossen sein wird, kann niemand vorhersagen. Dafür müsste das Tempo der Heizungsträgerwechsel deutlich erhöht werden.”
Kommunale Wärmeplanung Jena 2025
Ich denke, wir werden über realistischerere Zeiträumen reden, etwa das Bundesziel 2045 oder EU-Ziel 2050. 2035 ist sozial nicht realistisch: nötige Geschwindigkeit erzeugt Preissteigerungen, die einkommensschwache Haushalte nicht tragen können. 2035 ist auch finanziell für die Stadt in Mitten einer Haushaltssperre nicht realistisch. Ein gestreckterer Pfad reduziert Investitionsdruck und schützt Stadtfinanzen.
Kurz: Wir brauchen ein ehrliches Zieljahr — keine politische Symbolik auf Kosten der Bürger.
6 · Das Gasnetz — niemanden überrumpeln
Ein weiteres Dilemma besteht im Umgang mit dem jetzt bestehenden Gasnetz. Die Wärmeplanung empfiehlt ausdrücklich eine sukzessive Stilllegung — Quartier für Quartier, transparent kommuniziert.
Eine vorzeitige Stilllegung bedeutet aber, dass das Gasnetz, ein sogenannte”Stranded Asset” wird. Für die verbleibenden Gasnutzer werden höhere Netzentgelte fällig, weil das Gasnetzüber einen kürzeren Zeitraum abgeschrieben wird, als es ursprünglich errichtet wurde. Die Abschreibungsdauer für Gasinfrastruktur beträgt typischerweise 45 Jahre. Würde man das Gasnetz, wie es die Klimaneutralität 2035 es erfordert, 10-20 Jahre früher abschreiben, steigen die Kosten für die Kunden erheblich.
Sozial besonders prekär ist es deshalb, weil es zuerst die trifft, die noch nicht wechseln können.
Deshalb haben wir als CDU beantragt, keine vorzeitige politische Stilllegung bis 2035 durchzuführen. Das heißt nicht, dass wir Gas auf langfristige Zeit behalten werden, sondern uns auf die Suche machen, nach dem “sweet spot”, andem solche Investitionen günstiger werden als steigende Betriebskosten (hier: Gas).
„Die Strategie muss soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen und ist transparent gegenüber den Menschen in den Quartieren zu kommunizieren.”
Kommunale Wärmeplanung Jena 2025 (öffentlich)
7 · Drei Wege zu günstigerem lokalem Strom
Wir haben bisher nicht über Strom gesprochen. Die Wärmewende braucht Strom — für Wärmepumpen, für ANIKA, für das gesamte Fernwärmenetz. Anders als bei Gas, Kohle und Öl, haben wir bei der Stromerzeugung einige möglichkeiten in Jena. Nicht viele, aber einige. Wer diesen Strom lokal und günstig erzeugt, schützt Jenas Bürger vor Preisschwankungen.
Windkraft
Ein manchmal emotionales Thema. Der neuer Regionalplan Ostthüringen (2025) sieht erstmals ein kleines Vorranggebiet auf Jenaer Stadtgebiet in der Nähe Isserstedt vor, vielleicht 1-3 Windkrafträder.
Vorranggebiete sind -anders als häufig angenommen- eher als Einschränkung der Windkraft zu sehen. Ohne geordnete Planung bis Ende 2027 droht Wildwuchs — dann wären Windräder überall möglich.
Regionaler Windstrom hat für Jena hierbei wirtschaftlich Vorteile. Kürzere Leitungswege und nahe Umspannwerke bedeuten geringere Netzkosten. Jena könnte so durch die geringen Gestehungskosten profitieren und über Purchase Power Agreements (PPA) oder Energy Sharing von Strom für schätzungsweise 5-8ct/kwh profitieren.
PV Jägerberg
Photovoltaik ist das Pendant zur Windkraft. Eine konkrete Chance sehe ich am Jägerberg — ich habe das Gebiet schon lange im Blick und 2022 einen Prüfantrag eingereicht. Dass der KSJ die Projektentwicklung jetzt vorantreibt, freut mich. Es bleibt ein Baustein, kein Allheilmittel — aber zusammen mit dem Strombilanzkreis entsteht ein wirtschaftlich sinnvolles kommunales Gesamtkonzept.
Strombilanzkreis
Auf CDU-Antrag (24/0076-BV) wurde die Einrichtung eines kommunalen Strombilanzkreises geprüft und das Ergebnis war positiv (Berichtsvorlage 25/0555-BE)
Vereinfacht gesagt wird Strom aus kommunalen PV-Anlagen anderen Stadtgebäuden bilanziell gutgeschrieben, ohne physische Leitung. Beispielsweise können wir den Strom einer PV-Anlage auf einer Schule, die in den Sommerferien geschlossen ist, in anderen Gebäuden nutzen. Das gilt zunächst nur für kommunale Liegenschaften und bedeutet kein direkter Preishebel für private Haushalte. Ein weiterer Effekt ist ein Stromsteuervorteil von 2,05 ct/kWh im 4,5-km-Radius.
Einstieg geplant mit Stromausschreibung 2028. Ab 2033 fällt die 2-MW-PV-Anlage Ilmnitz fällt aus EEG-Vergütung und steht dann dem Bilanzkreis zur Verfügung
Ein Baustein (auf den ich etwas stolz bin), nicht mehr und nicht weniger.
8 · Meine Haltung
Nachdem ich die kommenden Jahre und Entscheidungen kurz beschrieben habe, will ich meine Haltung dazu zusammenfassen und als politische Richtung empfehlen.
Die Wärmewende ist notwendig und richtig — das ist keine Frage. Selbst ohne klimapolitische Zielsetzung macht die uns resilienter, unabhängiger und langfristig stabiler. Aber sie gelingt nur mit drei Bedingungen: Transparenz über Kosten, realistische Zieljahre, soziale Absicherung.
Vier konkrete Maßnahmen
Bezahlbarkeitsbericht der Stadtwerke: Fernwärme, Strom, Gas, jenawohnen — halbjährlich, mit Modellhaushalten
Transparenz bei Preisgleitklauseln: verständliche Offenlegung für Verbraucher
Keine vorzeitige Gasnetzstilllegung: sukzessive Transformation, die die Menschen mitnimmt
Investititionsentscheidung am “sweet spot” der Bezahlbarkeit, anstatt politischen Jahreszahlen
Die Wärmewende in Jena ist notwendig und richtig. Aber sie funktioniert nur, wenn die Menschen verstehen, was sie kostet — und darauf vertrauen können, dass niemand dabei allein gelassen wird.
9 · Schluss
“Wie sollen wir das bezahlen?”, so war die Frage zu beginn. Die Frage ist noch nicht beantwortet. Es wäre unehrlich, zu behaupten, jemand wüsste den Fahrplan und die Summe über die nächsten Jahrzehnte. Wir wissen nichtmal wie es aktuell mit der Energie weitergeht und Trump macht es nicht kalkulierbarer.
Es gibt aber einen seriösen Weg, wie wir diese Energieversorgung planen können. Das Kostenproblem ist real, die Vorteile der Investitionen ebenso. Genau dafür braucht es Politik, die nachfragt, mitrechnet, Transparenz einfordert
Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit sind kein Widerspruch — aber nur, wenn wir aufhören, so zu tun, als wäre alles zum Nulltarif zu haben.
Bastian Stein ist CDU-Stadtrat in Jena und Ortsbürgermeister von Wenigenjena. Dieser Text gibt seine persönliche Einschätzung wieder, nicht die offizielle Position der CDU-Fraktion Jena.
Quellen: Kommunale Wärmeplanung Jena 2025 (verabschiedet Juni 2025), Wärmeplanungsgesetz (WPG), Gebäudeenergiegesetz (GEG), – Regionalplanung Ostthüringen: Sachlicher Teilplan Windenergie, Entwurf Beschluss 04.06.2025, Berichtsvorlage 25/0555-BE: Strombilanzkreis Jena, Agora Energiewende 2023: Erdgasverteilnetze, Eigene Stadtrats-Anträge: 24/0076-BV (Strombilanzkreis), 22/1487-BV (Solar auf dem Jägerberg)





