Jena verliert seine Familien
Warum unsere Stadt kaum wächst – und ausgerechnet junge Familien die Stadt verlassen.
Ich wohne gern in Jena. Wer hier aufgewachsen ist oder sich bewusst für diese Stadt entschieden hat, kennt das Gefühl: die Saale, die Hügel, die kurzen Wege, die lebendige Innenstadt. Jena ist keine Stadt, die man verlässt, weil man unzufrieden ist. Jena ist eine Stadt, die man verlässt, weil man ein Haus bauen will. Weil man einen Garten braucht. Weil das dritte Kind irgendwo spielen soll, ohne dass man dafür 15 Quadratmeter Gemeinschaftsrasen mit zwanzig anderen Familien teilt.
Und genau das passiert. Jeden Tag. Jahr für Jahr.
Die Zahl, die alles erklärt
Jena stagniert. Die Wachstumsziele, die sich die Stadt gestellt hat, wurden bisher nicht erreich. Rund 108.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt die Stadt heute. Damit ist die Einwohnerzahl seit 2018 ziemlich konstant.
Aber wer genauer hinschaut, sieht etwas anderes. Dieses Wachstum hat ein Gesicht: jung, ledig, studentisch. Es hat kein Gesicht: Familie, Kinder, Eigenheim.
Die Beantwortung der Großen Anfrage Wohnen, die die Stadtverwaltung Ende 2025 vorgelegt hat, ist in dieser Hinsicht schonungslos ehrlich. Zwischen 2015 und 2024 sind per Saldo fast 1.900 Menschen mehr aus Jena ins Umland gezogen als umgekehrt – und das sind keine Rentnerinnen und keine Singles. Es sind Familien. Die Altersgruppe 25 bis 45 Jahre verliert Jena ans Umland mit einem jährlichen Saldo von 100 bis 350 Personen. Bei den Kindern unter 18 Jahren kommen auf jeden Zuzug aus dem Umland fast zwei Wegzüge.
Wanderungssaldo Jena ↔ Umland 2015–2024
Familien- und Kinderabwanderung ins Umland (Zuzug minus Wegzug)
Das Wohnstadtmonitoring nennt das, was es ist: anhaltende Suburbanisierung. Familien in der Phase der Eigentumsbildung verlassen die Stadt – nicht wegen schlechter Schulen, nicht wegen fehlender Arbeitsplätze, nicht wegen mangelnder Kultur. Sie gehen, weil Jena ihnen keinen Platz anbietet, der zu ihrer Lebenssituation passt.
Was hinter den Zahlen steckt
Wer in Jena ein Haus bauen oder kaufen möchte, steht vor einem strukturellen Problem: Es gibt kaum Bauland im kleinteiligen Segment. Keine Reihenhäuser, keine Doppelhaushälften, keine erschlossenen Grundstücke für Eigennutzer zu Preisen, die Familien mit mittlerem Einkommen sich leisten können. Die Stadtverwaltung spricht selbst von „Schwellenhaushalten” – Familien, die sich ein Eigenheim gerade so leisten könnten, wenn das Grundstück günstig genug wäre. In Jena ist es das nicht. Im Saale-Holzland-Kreis, in Bürgel, in Kahla, in Rothenstein: schon eher.
So funktioniert Suburbanisierung. Nicht als Abwendung von der Stadt, sondern als erzwungene Entscheidung gegen sie. Ein guter Teil der Menschen kommen als Einpendler zumindest tags über zum Arbeiten wieder in die Stadt - was Verkehr und Stress mit sich bringt.
Die Folge ist in den Zahlen schon ablesbar, bevor man die Prognose aufschlägt: Die Geburtenzahlen in Jena sind von 1.203 im Jahr 2014 auf 738 im Jahr 2024 gefallen – ein Rückgang von fast 40 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Die Gruppe der Kinder unter 6 Jahren wird laut Prognose bis 2035 um weitere 12 Prozent schrumpfen. Der Kita-Bedarfsplan 2025/26 rechnet bereits mit 1.172 Kita-Plätzen mehr als Kinder, die sie brauchen.
“Wir schließen statistisch jedes Jahr eine Kita wegen der Abwanderung der Familien”
Wir bauen Kitas leer, während im Umland Neubaugebiete mit Familien aus Jena gefüllt werden.
Das Problem mit der Statistik
Es gibt noch einen anderen Aspekt, der mich als Kommunalpolitiker beschäftigt: Die Gesamtzahlen vernebeln die Realität.
Jena gewinnt Einwohnerinnen und Einwohner vor allem in einer Altersgruppe: den 18- bis 24-Jährigen. Studierende kommen, belegen Wohnraum, zahlen – wenn überhaupt – Nebenwohnsitzsteuer, und ziehen nach dem Abschluss weiter. Dieser Strom ist wichtig für die Stadt, ohne Frage. Aber er überlagert statistisch die Abwanderung der Familien. Jena sieht auf dem Papier stabiler aus, als es ist.
“Die Absolventen aus den alten, aber teilweise auch aus den neuen Bundesländern verlassen zum großen Teil nach dem Studienabschluss Jena wieder. Es gelingt also nur in geringem Maße, sie nach Beendigung des Studiums in Jena zu halten."
Wohnstadt-Monitoring 2025
Was die Zahlen nicht zeigen: die Kinder, die nicht geboren werden, weil ihre Eltern ins Umland gegangen sind. Die Grundschulklassen, die kleiner werden. Die Sportvereine, die Nachwuchsprobleme haben. Die Nachbarschaften, in denen immer weniger Menschen über 40 Jahre wohnen. “Einwohner auf Zeit” schlagen keine Wurzeln, bilden keine dauerhaften Gemeinschaften und Identität heraus. Das ist kein dramatischer Einbruch – es ist ein langsames, stetiges Aushöhlen.
Und die Prognose ist keine Trendwende in Sicht: Das Wohnstadtmonitoring erwartet bis 2035 einen konstanten Umlandverlust von rund 200 Personen pro Jahr – Jahr für Jahr, ohne Korrektur, ohne Gegenmaßnahme eingepreist. Es ist eine Kapitulation vor dem Status quo.
Was jetzt geändert werden muss
Ich sage das nicht, um Pessimismus zu verbreiten. Ich sage es, weil ich glaube, dass Jena dieses Problem vernachlässigt hat, aber lösen kann – wenn es politisch gewollt ist.
Was es braucht, ist kein Programm, das Familien mit Prämien lockt. Es braucht Bauland und zwar das passende. Konkret, erschlossen, zu Preisen, die Schwellenhaushalte sich leisten können. Dazu muss die Stadt ihre Flächen konsequenter entwickeln, das Jenaer Baulandmodell mit echtem Tempo umsetzen und aufhören, kleinteiligen Wohnungsbau als Randthema zu behandeln.
Die in Vergangenheit gegen Einfamilienhäuser gerichtete Politik, oft aus Gründen des Klimaschutzes, hat nicht nur Familien unter Druck gesetzt, es hat durch die zunehmende Suburbanisierung und wachsende Verkehrsströme auch das Gegenteil bewirkt.
Es braucht außerdem eine ehrliche stadtpolitische Debatte darüber, für wen Jena gebaut wird. In den vergangenen Jahren hat die Stadtentwicklung fast ausschließlich auf Geschosswohnungsbau gesetzt – notwendig, aber nicht hinreichend. Wer eine Familie gründet, sucht nicht zwingend eine Dreizimmerwohnung im fünften Stock. Wer ein Kind groß zieht, braucht mehr als einen Balkon.
Das bedeutet nicht, Flächen wahllos zu versiegeln. Es bedeutet, die vorhandenen Potenziale – das Wohnbauflächenkonzept weist sie aus – endlich zu entwickeln. Auf städtischen Grundstücken. Mit Konzeptvergaben, die Eigennutzer bevorzugen. Mit Bebauungsplänen, die nicht jahrelang in der Verwaltung liegen.
Und es bedeutet, die Kooperation mit dem Umland ernsthafter anzugehen. Wenn Jena nicht genug Bauland hat, müssen Familien, die in Jena arbeiten und leben wollen, trotzdem in der Region bleiben können – in gut angebundenen Orten mit enger Verbindung zur Stadt. Die Stadt-Umland-Kooperation ist der richtige Ansatz. Sie muss aber Fahrt aufnehmen.
Eine Stadt ist mehr als ihre Studierendenzahl
Jena ist eine großartige Stadt. Bildungsstark, wirtschaftlich erfolgreich, kulturell lebendig. Aber eine Stadt, die nur für Zwanzigjährige funktioniert, hat keine Zukunft. Eine Stadt braucht Menschen in allen Lebensphasen – und besonders Menschen, die sich entschieden haben, hier ihre Familie zu gründen, hier zu bleiben, hier Wurzeln zu schlagen.
Wer Familien verliert, verliert mehr als Einwohnerzahlen. Er verliert das soziale Gewebe, das eine Stadt zusammenhält. Er verliert Schülerinnen und Schüler, Vereinsmitglieder, Nachbarn, Ehrenamtliche. Er verliert die Generation, die in zwanzig Jahren diese Stadt trägt.
Jena verliert seine Familien. Das ist keine Naturgewalt. Es ist eine politische Entscheidung – oder genauer: die Summe vieler ausgebliebener Entscheidungen.
Es ist Zeit, das zu ändern.
Bastian Stein ist Stadtratsmitglied und Ortsteilbürgermeister in Wenigenjena.




