Drei Euro
Neue Preise im Nahverkehr. Welche Ursachen haben steigende Ticketpreise und was wir tun können.
1. Eine glatte Zahl
Immerhin prägt sie sich gut ein. Seit 1. August 2026 kostet die Einzelfahrt in Jena 3,00 € und für Kinder 2,00 €. Im Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT), dessen Tarifsystem wir teilen betrug die verbundweite Anhebung im Schnitt 4,69 %. Wir kennen das aus des letzten Jahren, dass die Preise spürbar stiegen (das taten sie) und haben uns darüber geärgert (das taten wir).
Es wird Zeit, dass aufzuschlüsseln, denn der Nahverkehr hat deutschlandweit schwere Zeiten. Viele Städte müssen Linien streichen und fahren auf Verschleiß, z.B. Dresden. Zum Vergleich: Der bundesweite Durchschnitt für eine Einzelfahrt liegt 2026 bei 3,68 Euro. In München und Augsburg zahlt man 4,20, in Dresden 3,40, in Leipzig 3,60. Mit drei Euro sind wir immer noch die günstigsten. Ehrlicherweise gehört dazu: Prozentual sind wir seit 2021 fast so stark gestiegen wie Dresden — wer niedrig startet, steigt eben schneller. Und beim Angebot ist Jena bisher verschont geblieben. In Chemnitz beginnt der Nachtfahrplan ab Dezember um 22:45 Uhr, in Dresden standen zwei Buslinien und beide Elbfähren zur Disposition, im Landkreis Bautzen finanziert man eine Geburtsstation über gestrichene Wochenendfahrten. Das lassen wir uns etwas kosten — wie viel, dazu kommen wir in Kapitel 6.
Ein Disclaimer vorweg: Ich bin begeisterter Nahverkehrsnutzer. Unser PKW dümpelt vor sich hin. Trotzdem werfen wir einen Blick auf eine schwierige Situation. Meine Hoffnung ist, dass wir in Jena im Vergleich zu anderen relativ glimpflich davongekommen sind (und uns das viel kosten lassen) und dennoch Handlungsoptionen haben.
Genug der Vorrede, steigen wir ein.
2. Was tatsächlich passiert ist
Die Preiserhöhung ist ein fast alljährliches Ritual, aber alle Preise steigen. Um die Bedeutung abzumessen vergleichen wir die mit der allgemeinen Preissteigerung (Inflation). Und wir sehen, dass bis etwa 2021 die Ticketpreise im Gleichschritt mit der Inflation stiegen: Einzelfahrt +4,8 %, Verbraucherpreise +4,1 %. Die Schere öffnet sich etwa ab April 2023 und dann in jedem Jahr weiter. Inflationsbereinigt würde die Einzelfahrt 2,63 €, die 4-Fahrtenkarte 9,55 € und die Monatskarte 75,90 € kosten. Die Steigerungen waren jedoch höher. Ausreißerjahre waren 2024 und 2025: rund 8 % und 7,4 % bei jeweils gut 2 % Inflation. Ob das jetzt daran liegt, dass der ÖPNV durch steigende Energiepreise seit dem Kriegsbeginn 2022 besonders betroffen ist oder an anderen Faktoren, dazu kommen wir später.
3. Das schlechteste Ticket im Sortiment
Kommen wir dazu, wer die Erhöhung trägt, denn die Einzelfahrt ist nicht das einzige Ticket.
Als erstes fällt auf, Erwachsene tragen die Anpassung, Kinder nicht. Die Kinder-Einzelfahrt stieg seit 2019 um +25,0 % gegenüber 25,4 % Inflation. Die Erwachsenen-Einzelfahrt dagegen um +42,9 %. Ich beichte, das finde ich gut.
Das Mehrfahrtenticket wurde entwertet. Rabatt der 4-Fahrtenkarte zur Einzelfahrt lag jahrelang stabil bei rund 10 % (2021: 1,98 €/Fahrt bei 2,20 €; 2025: 2,60 € bei 2,90 €). 2026 nur noch 7,5 % – sie stieg um 6,7 %, die Einzelfahrt um 3,4 %. Ich bin kein Tarifexperte. Es fällt mir nur auf.
Die digitale Zwei-Klassen-Struktur. Über FAIRTIQ und DB Navigator erhält man 10 % Rabatt. Wussten Sie das? Ich habe das erst zur Recherche zu diesme Artikel erfahren. Der Jenaer Nahverkehr schreibt selbst auf seiner Tarifseite, dass diese Fahrten damit günstiger sind als Fahrten mit der 4-Fahrtenkarte. Gut zu wissen.
Die Monatskarte ist ein Zombie-Produkt. 87,70 € gegenüber 63 € Deutschlandticket – 39 % Aufschlag für weniger Geltungsbereich. Keine Ahnung, warum der VMT den Tarif noch anbietet und noch weniger, wer das nutzt. Es ist das “schlechteste Ticket” im Sortiment.
4. Rekordjahr — aber woher?
Dennoch gibt es gute Nachrichten. Die Zahl der Fahrgäste wächst! Wieder muss man sagen, denn die Corona-Pandemie hat einen tiefen Einbruch in der ÖPNV Nutzung verursacht, der jahrelang anhielt. Und noch vergessen: Die Einwohnerzahl Jenas stagniert.
Konkret haben wir von 2019 zu 2025 +3% mehr Fahrgäste. Die Zahl der Abo-Kunden im selben Zeitraum ist von rund 8.200 auf rund 18.100, ein Plus 121 %, Semestertickets nicht eingerechnet. Das klingt logisch mit der Einführung des Deutschlandtickets. Ich wage die Hypothese, der Nahverkehr wächst dort, wo der Bund den Preis eingefroren hat, und verteuert sich dort, wo der Verbund frei entscheidet.
5. Die andere Seite der Rechnung
Preise mal Nutzungen sind die Erlösseite, kommen wir zur Kostenseite und damit zu einem Teil der Erklärung. Die Kosten im Nahverkehr stiegen um+65 % in fünf Jahren bei rund 20 % Inflation. Einen “Kostensprung” gab es 2024 und liegt zu 96 % in den Betriebskosten der Lichtbahn; ohne Tramlink liegt 2024 bei 6,32 Mio. €. Die GT6M-Kosten sinken nicht, wir haben noch einen Parallelbetrieb und doppelte Flottenkosten in der Übergangsphase. Das ist jetzt keine Bewertung, denn die Re-Investition in die alten Bahnen (5. Hauptuntersuchung) wäre ebenfalls angefallen.
Der Dieselsprung ab 2022 mit+35 % ist der Energiepreisschock, den vermutlich jeder kennt. Auch die Tarifsprünge 2024–2026 mit über der Inflation liegenden Gehaltsabschlüssen für die Beschäftigten fallen exakt ins Fenster der Flottenerneuerung. Steigende Kosten tragen am Ende wir, die Kunden.
6. Vom Ertrag zum Zuschuss
Oder die Stadt. Das ist wichtig zu wissen. So hoch die Ticketpreise auch steigen, die Kosten steigen stärker und den restlichen Verlust tragen die Stadtwerke (und damit ihre Energiekunden und Mieter) und die Stadt (und damit die Steuerzahler). Die Stadt selbst formuliert es im Haushaltsentwurf: Der Verlust steigt im Planungszeitraum auf etwa 20 Mio. € jährlich.
Das ist für die Kommunalpolitik ein Vorzeichenwechsel im Haushalt. Noch 2019 schütteten die Stadtwerke 9,5 Mio. € an die Stadt aus und 2024 beschloss der Stadtrat erstmals einen Zuschuss in umgekehrter Richtung – 3,9 Mio. €. Dazu müsste ich noch ausführen und mache ich ein andermal auch. Für die Fragestellung ist mir nur wichtig, dass wir viele Mittel in Jena verwenden, um weitere Angebotskürzungen zu verhindern.
8. Was ich für machbar halte
Sie ahnen es, es gibt bei einem deutschlandweiten und strukturellen Problem keine einfache Lösung in Jena. „Preise runter” oder gar kostenfreien Nahverkehr halte ich nicht mehr seriös vertretbar. Dennoch will ich ein paar Optionen erörtern:
Mehrfahrtenrabatt wiederherstellen, mindestens 10 %, damit das Papierticket nicht schlechter gestellt ist als die App. Niedriger fünfstelliger Betrag, sofortige Wirkung.
Kritische Prüfung aller (größeren) Investitionen. Investitionen sind toll, aber sie haben auch einen Preis, gerade bei einer stagnierenden Bevölkerungszahl. Das ist aber auch eine strategische Entscheidung wo wir hinwollen, womit ich schonmal einen Beitrag zu Strategieprozess der Stadt andeute.
Transparenz über den Absatz nach Tarifprodukt für die Tarifzone 30 seit 2019 – die Zahl, die öffentlich nirgends existiert. Ich kenne sie zumindest nicht
Noch ein Schlussgedanke: Für den Einzelnen gibt es etwas Linderung. Das Deutschlandticket lohnt sich ab etwa 22 Fahrten im Monat. Nutzen sie auch die App statt den Automaten. Kündigen sie die Jenaer Monatskarte (Sorry, Stadtwerke). Ich schreibe das am Ende, denn denn jeder, der hier individuell spart, verkleinert die Gruppe derer, die zurückbleiben, und macht deren nächste Erhöhung wahrscheinlicher. Der Ausweg für den Einzelnen ist keiner für die Stadt. Das ist ungefähr die Definition dessen, wofür Kommunalpolitik zuständig ist. Deswegen bin ich gespannt auf die Diskussion mit Ihnen.
Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und nicht die offizielle Position der Stadt Jena, der CDU-Fraktion oder der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck GmbH. Bastian Stein ist CDU-Stadtrat in Jena, Ortsbürgermeister von Wenigenjena und Aufsichtsratsmitglied der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck GmbH und der Klimaschutzagentur Jena gGmbH. Verwendete Zahlen und Fakten stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen.
Quellenverzeichnis
VMT-Preisübersicht, Stand 01.08.2025. Verkehrsverbund Mittelthüringen.
Tarifübersicht Jenaer Nahverkehr, Stand 01.08.2026. Stadtwerke Jena Gruppe. https://www.stadtwerke-jena.de/nahverkehr/privatkunden/tickets/tarifuebersicht.html
Verbraucherpreisindex für Deutschland, Basis 2020 = 100. Statistisches Bundesamt (Destatis), Stand Juni 2026.
„23,3 Millionen Fahrgäste nutzten Busse und Bahnen des Jenaer Nahverkehrs”. Stadtwerke Jena Gruppe, Pressemitteilung, 22.01.2026.
„Jena: Mehr Fahrgäste im Jahr 2019”. zughalt.de, 29.01.2020.
„Fahrgastzahlen im Jenaer Nahverkehr erneut gestiegen”. NahverkehrsPraxis, Januar 2019.
Große Anfrage der Fraktion Die Linke im Stadtrat Jena: „Öffentlicher Nahverkehr und seine Entwicklung in Jena”, Mai 2025.
Ergänzende Daten zur Beantwortung der Großen Anfrage GA_LIN_05_25, Punkte 3.9–3.13 (Fahrzeug-Betriebskosten 2019–2024).
Beteiligungsbericht des Saale-Holzland-Kreises für das Geschäftsjahr 2023, Abschnitt Jenaer Nahverkehr GmbH.
Beteiligungsbericht des Saale-Holzland-Kreises für das Geschäftsjahr 2022, Abschnitt Jenaer Nahverkehr GmbH.
„Stadt Jena legt genehmigungsfähigen Haushalt vor”. Stadt Jena, Rathaus-Meldung, Dezember 2024.
„Zuschuss für Stadtwerke beschlossen”. Jena TV, November 2024.
„Stadtwerke Jena Gruppe veröffentlicht Geschäftsbericht 2024”. Stadtwerke Jena Gruppe, Pressemitteilung, 05.11.2025.
„Stadt Jena greift ihrem Versorger unter die Arme”. Zeitung für kommunale Wirtschaft, November 2025.
ADAC: „ÖPNV-Preisvergleich 2026”, März 2026
Deutscher Städtetag, Christian Schuchardt, gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger, August 2026
„Sachsen streicht beim ÖPNV: Chemnitz und Bautzen beschließen Kürzungen”, eisenbahn.de, Juni 2026
ZfK: „Kritik an Dresdner Nahverkehrs-Sparplan”, Dezember 2025








