98 Prozent Erdgas. Vier Jahre Zeit. Ein Projekt.
Warum ich für ANIKA bin – und trotzdem drei Bedingungen habe
Es gibt Größenordnungen, die bleiben hängen. Diese hier ist meine: Die Jenaer Fernwärme wird zu rund 98 Prozent aus Erdgas erzeugt. Erneuerbar sind etwa zwei Prozent.
Ab dem 1. Januar 2030 verlangt das Wärmeplanungsgesetz von Bestandsnetzen wie unserem einen Anteil von 30 Prozent. Bis 2040 sind es 80 Prozent.
Von zwei auf dreißig. In vier Jahren.
Wer schon einmal miterlebt hat, wie lange in einer Kommune die Erneuerung einer Ampelanlage dauert, ahnt, worauf das hinausläuft.
Das ist keine Zielmarke, über die man verhandeln kann, und kein Vorschlag aus einem Klimakonzept. Es ist geltendes Recht mit einem Datum. Und es ist der Grund, warum in Jena über ein Projekt bemerkenswert wenig gestritten wird, das die Wärmeversorgung von rund 34.000 Haushalten umbaut.
Das Projekt heißt ANIKA.
Was ANIKA ist
Die gute Nachricht: Jena verfügt über eine erneuerbare Wärmequelle, die verlässlich fließt, unabhängig von Wetter, Jahreszeit und Weltmarkt. Die etwas weniger gute: Es ist Abwasser.
Auf der Zentralkläranlage in Zwätzen werden täglich rund 15.000 Kubikmeter gereinigt. Was danach in die Saale fließt, ist sauber – und ganzjährig zwischen 12 und 25 Grad warm. Warm genug, dass sich daraus etwas machen lässt.
Genau das ist der Plan. Wasser-Wasser-Wärmepumpen entziehen dem gereinigten Abwasser die Wärme und heben sie auf ein Niveau, das ins Fernwärmenetz passt. Ein Wärmespeicher und eine Power-to-Heat-Anlage kommen dazu, damit die Anlage auf Bedarf und Strompreise reagieren kann, statt stur durchzulaufen.
Rund 20 Megawatt thermische Leistung, etwa 120 Gigawattstunden im Jahr. Das ist rund ein Drittel dessen, was Jenas Fernwärmenetz insgesamt liefert.
Der entscheidende Vorteil gegenüber der lange diskutierten Flussthermie: Das Abwasser ist im Winter wärmer als die Saale. Wenn wir die Wärme am dringendsten brauchen, funktioniert die Anlage am zuverlässigsten.
Es gibt einen zweiten Effekt, über den selten geredet wird, der technisch aber fast wichtiger ist. Die Anlage wird ans Primärnetz Nord angebunden und entlastet es hydraulisch. Das begünstigt die weitere Absenkung der Netztemperaturen – und niedrigere Netztemperaturen sind die Voraussetzung dafür, dass danach überhaupt weitere erneuerbare Quellen eingebunden werden können. ANIKA ist nicht nur ein Baustein. ANIKA ist die Tür.
Neu ist an alldem wenig: Wien betreibt eine solche Anlage seit 2023, Hamburg geht dieses Jahr in Betrieb, Köln baut derzeit das Siebeneinhalbfache unserer Leistung. Jena wäre kein Pionier, sondern ein früher Nachahmer – und bei einer Anlage, die dreißig Jahre laufen soll, ist Langeweile bei der Technikauswahl ein Vorzug.
Ehrlich muss man aber auch sagen: Im Vergleich liegt unsere Anlage am unteren Ende. Das passt zur Größe der Stadt. Es bedeutet zugleich, dass wir weniger Skaleneffekte haben als Hamburg oder Wien – jede Kilowattstunde muss bei uns rechnerisch mehr Anlage tragen, was hinsichtlich der Kosten noch relevant wird.
Was der Stadtrat beschlossen hat – und was nicht
Am 2. Juli hat der Stadtrat über ANIKA abgestimmt. So stand es jedenfalls in mancher Wahrnehmung.
Tatsächlich haben wir ein Firmenschild ausgetauscht.
Die Jenaer Gebäudemanagement GmbH gehört den Stadtwerken Energie und führt seit Jahren keinen Geschäftsbetrieb. Ihr Gesellschaftsvertrag stammt von 1998, ihr Stammkapital lautete bis zuletzt auf D-Mark. Eine Gesellschaft, deren Kapitalziffer die Euro-Einführung unbeschadet überstanden hat, hat erkennbar keine bewegte Vergangenheit.
Diese Gesellschaft wird nun zur ANIKA Erzeugungsgesellschaft mbH. Neuer Name, neuer Zweck, Stammkapital endlich in Euro, Genehmigung durch die Rechtsaufsicht.
Der Grund dafür ist förderrechtlich, nicht ideologisch. Für die Bundesförderung verlangt das BAFA, dass der Antragsteller über die gesamte Förderperiode derselbe bleibt. Ausnahmen werden restriktiv gehandhabt – man ahnt, dass dort in der Vergangenheit einiges versucht wurde. Also muss die Gesellschaft stehen, bevor der Antrag rausgeht. Dass große Wärmeprojekte in eigenen Projektgesellschaften laufen, ist ohnehin Branchenstandard: Risikoabgrenzung, saubere Zuordnung von Zahlungsströmen, Andockmöglichkeit für Partner.
Die Beschlussvorlage sagt das selbst mit erfreulicher Klarheit:
„Damit werden lediglich formale Voraussetzungen geschaffen, dies ist noch kein Beschluss zur Umsetzung des Projektes ANIKA.”
Die eigentliche Entscheidung fällt bis Ende 2026, auf Grundlage einer detaillierten Wirtschaftlichkeitsberechnung. Dieser Termin gehört in jeden Kalender.
Und hier liegt der Punkt, den ich für den wichtigsten dieses ganzen Vorgangs halte. Die Reihenfolge ist sachlich zwingend: erst die Struktur, dann der Förderantrag, dann die Entscheidung. Anders geht es nicht. Aber jede Vorleistung schafft Pfadabhängigkeit. Je mehr vorher passiert ist, desto schwerer fällt ein Nein.
Ich sage nicht, dass hier etwas an den Gremien vorbeigeplant wird. Ich sage: Wer Ende 2026 wirklich frei entscheiden will, muss wissen, was ein Nein zu diesem Zeitpunkt kosten würde. Diese Zahl gehört in die Vorlage.
Ein zweiter Punkt steht in derselben Beschlussvorlage. Gesucht werden ein oder mehrere strategische Partner, die technisches Können und Kapital einbringen und später eine Minderheitsbeteiligung erwerben können.
Auf der Projektseite der Stadtwerke steht als Vorteil von ANIKA: „Keine externen Investoren, keine undurchsichtigen Modelle.”
Beides kann stimmen. Ein kommunal geprägter Partner mit Erfahrung im Betrieb von Großwärmepumpen ist etwas grundlegend anderes als ein Infrastrukturfonds. Und dass in Jena bisher niemand eine Anlage dieser Art betrieben hat, ist ein sachliches Argument für einen Partner, kein Makel.
Aber die beiden Sätze müssen zusammengebracht werden, und zwar von den Stadtwerken selbst. Sonst tut es irgendwann jemand anders, und dann klingt es nach Widerspruch statt nach Abwägung.
Die Vorlage nennt vier Auswahlkriterien: fachliche Eignung, energiewirtschaftliche Kompetenz, finanzielle Leistungsfähigkeit, Partnerschaftsorientierung. Ihre Gewichtung ist ausdrücklich noch nicht bestimmt. Genau diese Gewichtung entscheidet aber, ob am Ende Kompetenz gewinnt oder Kapital.
Das Geld und der Preis
ANIKA steht und fällt mit der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze. Das ist kein Detail am Rand. Das ist die Statik des Projekts.
Modul 1 für die Planung ist bewilligt. Modul 2 soll 40 Prozent der Investition abdecken, der Antrag geht im dritten Quartal dieses Jahres raus. Modul 4 fördert danach bis zu zehn Jahre den laufenden Betrieb.
Modul 1 ist bewilligt. Modul 2 und 4 sind Hoffnungen.
Modul 4 ist dabei der stille Kern der ganzen Rechnung. Es existiert genau zu dem Zweck, die Mehrkosten gegenüber fossiler Erzeugung auszugleichen. Fällt es kleiner aus als kalkuliert, verschwindet dieser Ausgleich nicht einfach – er landet auf den Rechnungen der Kunden.
Für 2026 stehen im Bundeshaushalt knapp 1,4 Milliarden Euro bereit. Der BDEW beziffert den jährlichen Bedarf auf mindestens 3,5 Milliarden:
„Für den Umbau und die Dekarbonisierung der Wärmenetze benötigen wir jährlich mindestens 3,5 Milliarden Euro.”
— Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung
Wir entscheiden hier über Jenaer Wärmepreise für die nächsten zwanzig Jahre. Die wichtigste Variable dieser Entscheidung wird im Haushaltsausschuss des Bundestages festgelegt. Das ist kein Vorwurf an die Stadtwerke, die daran nichts ändern können. Aber es gehört auf den Tisch, bevor entschieden wird, und nicht danach.
Was heißt das für den Preis? Ich habe im April geschrieben, was ich weiterhin für richtig halte:
„ANIKA-Wärme wird 2030 voraussichtlich erstmal teurer sein als fossile Wärme. Langfristig dreht sich das Verhältnis um – aber kurzfristig gibt es einen realen Preissprung.”
Dabei bleibe ich. Und ich halte es für einen Fehler, das wegzumoderieren.
Wer erneuerbare Wärme verspricht und im selben Atemzug gleichbleibende Preise suggeriert, verliert die Glaubwürdigkeit genau in dem Moment, in dem er sie am dringendsten braucht: wenn die erste Abrechnung kommt. Der ehrliche Satz lautet: kurzfristig teurer, langfristig stabiler. Stabiler deshalb, weil wir uns von Gasweltmarktpreisen und steigenden CO₂-Kosten unabhängig machen.
Dazu gehört ein Thema, bei dem erfahrungsgemäß auch wohlwollende Leser aussteigen – und das deshalb hier stehen muss: die Preisgleitklauseln. Mit ANIKA ändert sich die Kostenstruktur der Fernwärme grundlegend, weg vom Brennstoff, hin zu Strom und Kapitaldienst. Die Formeln müssen das abbilden. Und die Kunden müssen nachvollziehen können, was sie da eigentlich unterschrieben haben.
Wofür ich stimmen werde
Ich bin für ANIKA.
Wer 98 Prozent Erdgas im Netz hat und vier Jahre Zeit, hat keine Alternative, die schneller wäre. Die Technik ist erprobt, die Wärmequelle liegt vor der Stadt, das Potenzial deckt fast genau die Lücke, die das Gesetz uns lässt. Wer dagegen ist, muss sagen, was stattdessen bis 2030 fertig wird. Ich kenne keine überzeugende Antwort auf diese Frage.
Zustimmung ist aber keine Blankovollmacht. Drei Bedingungen habe ich an die Entscheidung Ende 2026:
Erstens: Die Wirtschaftlichkeitsberechnung enthält ein Szenario mit reduzierter oder ausbleibender Betriebskostenförderung. Wer nur den Erfolgsfall rechnet, entscheidet nicht, sondern hofft.
Zweitens: Der Preispfad bis 2035 wird offengelegt, unterlegt mit Modellhaushalten. Nicht als Prozentzahl in einer Fußnote, sondern so, dass eine Familie in Wenigenjena erkennen kann, was auf sie zukommt.
Drittens: Das Auswahlverfahren für einen strategischen Partner wird vor der Entscheidung offengelegt, nicht danach. Kriterien, Gewichtung, Beteiligungshöhe.
Die Kläranlage in Zwätzen ist vermutlich der unromantischste Ort dieser Stadt. Vielleicht ist genau das die richtige Lehre über die Energiewende: Sie findet nicht in Sonntagsreden statt, sondern in Rohrleitungen, Beschlussvorlagen und Notarterminen.
Dieser Beitrag gibt meine persönliche Meinung wieder und nicht die offizielle Position der Stadt Jena, der CDU-Fraktion oder der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck GmbH. Alle verwendeten Zahlen stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen: der Beschlussvorlage 26/0974-BV der Stadt Jena, den Veröffentlichungen der Stadtwerke Jena, dem Wärmeplanungsgesetz sowie Angaben des BAFA und des BDEW.





